Selbstwert & Beziehung

Erfahrungsberichte

Ich habe meine KlientInnen gebeten, aufzuschreiben, wie und bei welchen Gelegenheiten sie bemerken, dass ihr Selbstwert gering ist und die Beziehung zu ihren PartnerInnen belastet.

Teil 3 – Die Geschichten hinter geringem Selbstwert

Frau, verheiratet, 38 Jahre
Immer wenn wir irgendwo eingeladen sind oder spontan hingehen, ist er der Liebling. Er steht sozusagen schon an der Türschwelle im Mittelpunkt. Alle begrüssen ihn stürmisch, schulterklopfend, mit mindestens einem “schön, bist du da”. Das gönne ich ihm ja, würde ich mich in dem Moment, wo sie mich dann kühl mit “Hey, ähm, Anne, wie geht’s?” begrüssen und ohne eine Antwort abzuwarten sagen:” kommt rein” nicht fühlen, als wäre ich ein Fortsatz, ein Anhängsel.

Sobald die Gespräche losgehen lässt mich mein Freund aus den Augen, die anderen haben Priorität. Natürlich sieht er sie seltener als mich, doch ich fühle mich dann immer unwohl und allein. Ich habe angefangen, manche Freunde insgeheim zu hassen. Besonders jene, die ihn geradezu vergöttern.

Schlimm wird es aber, wenn eine unbekannte Frau dazustösst: Mein Freund ist sofort nur noch an ihr interessiert und lässt mich links liegen. Das hasse ich. Während ich das schreibe, komme ich mir lächerlich vor. Manchmal glaube ich, meine Eifersucht ist nicht normal.

Mann, 47 Jahre, seit 7 Jahren in einer Partnerschaft

Warum lächelt sie immer und schüttelt ihre Haare nach hinten, wenn wir unseren Einkauf machen und wieder mal bei diesem Typ an der Kasse landen? Er ist klein, ein wenig dick und tut nichts anderes, als Dinge über einen Scanner zu ziehen. Ein komischer Typ ist das.

Wenn meine Freundin vorbeikommt, blickt er auf, lächelt und sagt: “Hi, wie geht’s?”, richtet dabei seinen Blick in letzter Millisekunde auf mich. Am liebsten wäre ihm sicher, ich wär gar nicht da. Den Rest der Zeit hat er nur Augen für sie. Und meine Freundin reagiert total albern, hüpft fast ein bisschen zappelig und sagt: “Hi, ja, cool. Alles klar?” So kenne ich sie gar nicht, so ist sie nie mit mir, so war sie nie.

Und was bitteschön hat dieser kleine Wicht, was ich nicht habe?

Ich bin sportlich, gut gewachsen, nicht zu gross und vor allem nett. Manchmal versuche ich mich dann auf dem Postamt an meiner Freundin zu rächen und quatsche extra lange mit viel Lachen mit der Dame am Schalter. Doch meine Freundin schaut nicht mal hin! Geschweigedenn, dass sie mal genervt wäre. Nein. Nie! In diesen Situationen denk ich, ich bin ihr egal! Rede ich mir das nur ein?

Frau 48 Jahre, seit 17 Jahren verheiratet
Was immer ich mache, es reicht nicht. Ich bin Mutter zweier Kinder, beide nun fast Teenager und mein Mann, ja, der ist in erster Linie berufstätig und hungrig. “Was gibts zu essen”, ist sein Lieblingssatz!

Ich habe mittlerweile wieder mehr Zeit für mich, hart erkämpft, und die lässt mich über so einiges nachdenken. Ich weiss nicht, wann mein Mann und ich anfingen damit, aber wir spielen irgendwie nur noch ein Spiel, ein Theaterstück. Ich habe angefangen, seinen Fleiss bei der Arbeit zu hinterfragen, seine spätabendlichen Sitzungen, dass ich nie an einem Fest dabeisein durfte.

Er kommt immer mit Ballast nach Hause, ich habe meine Techniken, ihm auf einem Ohr zuzuhören, perfektioniert und er flucht und jammert, bis es Essen gibt, dann ist er müde und legt sich hin oder duscht oder schaut fern.

Wenn ich dann etwas besprechen will, sehen mich zwei angestrengte, blutunterlaufene Augen an, die fragen: “Muss das jetzt sein?”

Ich bin ihm nicht wichtig, ich glaube, ich bin auch meinen Kindern nicht wichtig, vielleicht auch niemandem. Ich bin einfach. Mehr nicht. Ich will es eigendlich gar nicht wissen, aber ich fühle, dass mein Mann die Arbeit, vielleicht ja auch eine Affäre, mehr liebt als mich. Dass meine Kinder lieber eine andere, eine coolere Mutter hätten.

Manchmal wünsche ich mir, meinem Mann würde gekündigt, so wütend macht mich diese Situation. Wir kämen in Teufels Küche und vielleicht ins Armenhaus, aber das stört mich in solchen Augenblicken wenig. Ich will wieder gesehen, geliebt werden und vielleicht auch wieder arbeiten können. Aber wer will mich schon?

Mann, 29 Jahr, verheiratet
Mann Beziehung Eifersucht Selbstwert
Meine Frau und ich, wir kennen uns schon ewig und vor drei Jahren habe ich mich getraut, meiner Göttin der Schönheit, einen Antrag zu machen.

Ich hatte schlaflose Nächte davor durchwacht und mir versucht einzureden, dass sie nicht nein sagen würde. Das tat sie auch nicht und war gerührt. Mir fiel ein Stein vom Herzen. Das war ein perfekter Moment, doch dann fing es an, schlimm zu werden. Wir sind erstmals zusammengezogen, ich habe unsere Wohnung ausgesucht.

Alles lief eigentlich gut, aber mich plagten manchmal Zweifel, ob ich meiner Frau wirklich genug bieten konnte. Oft fragte ich sie und sie sagte immer genervter “Natürlich!” Irgendwann reichte mir das nicht mehr, sondern gab mir den Grund, ihr zu misstrauen. Warum war sie nur so genervt von mir?

Niemals konnte ich für sie der Einzige sein. So blöd war ich dann doch nicht, mich reinlegen zu lassen. Ich fing an, ihr Handy nach Kontakten zu durchforsten, wenn sie duschte. Dann fand ich einen Facebook Freund, der ihr schrieb, wie “heiss” sie mit 17 gewesen sei. Und das war’s für mich!

Ich warf das Handy vor ihre Füsse und beschimpfte sie als die grausamste Lügnerin, die es gibt. Sie tat, als wüsste sie von nichts und fing zu weinen an. Ich raste aus dem Haus, fuhr in eine Kneipe, liess mich volllaufen und schlief im Auto.

Erst am Morgen früh wurde mir mit hämmerndem Schädel klar: ich hatte total überreagiert

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